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Das Symbol des Kreuzes

In den Demonstrationszügen, die sich um die Rettung des Abendlandes bemühen, sah man immer wieder Kreuze, gelegentlich auch in den Farben der deutschen Nationalflagge. Das Kreuz soll hier für die christliche Tradition stehen, die es zu verteidigen gilt. Die Kombination mit den Landesfarben will verdeutlichen, dass dieses Land von seinen christlichen Wurzeln nicht getrennt werden darf. Auch wenn sich die Demonstranten zu Rettern und Bewahrern der christlichen Religion erklären, lassen sich die beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland nicht davon abhalten, ein eindeutiges „Nein“ zu dieser Art der Verteidigung auszusprechen. Den Demonstranten ist eher an einer symbolischen Außenseite gelegen, wenn sie Kreuze und Kirchtürme gegen Minarette und Kopftücher in Stellung bringen, denn an einer Innenseite der Religion, die nach ethischen Grundsätzen fragt.1

Das Symbol des Kreuzes, das den Demonstranten lediglich als ein äußeres Erkennungszeichen für das Christentum dient, steht für die ganze Religion und ihre Werte, die aus dem Glauben an dieses Kreuz entstanden sind. In der Passionszeit nehmen wir einen Blick auf dieses Symbol und das, wofür es steht. Zu den Merkmalen von Symbolen, wie sie der Theologe Paul Tillich formuliert2, gehört die Anerkanntheit. Eine Sache kann nie erst Symbol sein und dann Anerkennung finden. Die Symbolwerdung und die Anerkennung fallen in eins. Das Kreuz kann als allgemein anerkanntes Erkennungszeichen für das Christentum fungieren und somit von den Demonstranten eingesetzt werden. Ein weiteres Merkmal ist, dass ein Symbol über sich hinausweist.

Betrachtet man ein Kreuz, so erkennt man darin nicht nur zwei Holzbalken, sondern die Kreuzigung Jesu auf Golgatha und im Weiteren das erlösende Handeln Gottes, das selbst ein symbolischer Ausdruck ist für eine Erfahrung des Transzendenten. Ein drittes Merkmal des Symbols ist die Anschaulichkeit. Etwas wesensmäßig Unanschauliches, Ideelles oder Transzendentes wird im Symbol zur Gegenständlichkeit gebracht. Dies kann durchaus nur vorgestellt sein, wie z. B. das Kreuzesgeschehen. Schließlich gibt es das Merkmal der Selbstmächtigkeit, das besagt, dass dem Symbol eine Macht innewohnt, die es von einem bloßen Zeichen unterscheidet. Ein Zeichen kann willkürlich ausgetauscht werden, weil es keine Notwendigkeit hat. Das Symbol kann nicht ausgetauscht werden, es kann nur verschwinden, indem es als Symbol zerfällt. Nachdem die Reformation sich von der Lehre der Jungfräulichkeit Marias abgewandt hat, ist auch das Symbol der Jungfräulichkeit im protestantischen Raum gestorben. Es ist zum poetischen Symbol geworden, das nicht mehr verehrt wird. Das Symbol des Kreuzes ist aus unterschiedlichen Kulturkreisen bekannt.

Das älteste ist das ägyptische Henkelkreuz. Es bedeutet in der Hieroglyphenschrift das Lebenszeichen anch. In dieser Bedeutung wurde es von der kopwtischen Kunst mit christlicher Auslegung als crux ansata übernommen. Das Kreuzeszeichen in der christlichen Tradition hat sich in zwei ursprünglich von einander unterschiedlichen Interpretationslinien entwickelt, die später zusammengeflossen sind. Die erste Linie versteht das Kreuz als ein eschatologisches (endzeitliches) Siegel, dem eine Schutz- und Eigentumsbedeutung beigemessen wird. Seine Ursprünge liegen im Alten Testament (Hes 9,3 ff), wo es in seiner Form schon als Kreuz gedacht ist (der letzte Buchstabe des hebr. Alphabets taw sieht in der älteren Form wie das spätere sog. griechische Kreuz mit gleich langen Armen aus).

In der Bedeutung als ein eschatologisches Schutz- und Eigentumszeichen fand das Kreuzeszeichen Eingang in die Taufliturgie der Urkirche. Eine andere Linie versteht das Kreuz als Symbol für die Erinnerung an das Kreuzesgeschehen und somit als ein Erlösungszeichen. Erst im 3. Jh., als diese beiden Entwicklungslinien nicht mehr unterschieden wurden, findet man die ersten bildlichen Kreuzesdarstellungen. Verbreitung fanden sie nach der von zeitgenössischen Historikern unterschiedlich gedeuteten Vision Kaiser Konstantins an der Milvischen Brücke im Jahre 312. Er sah das Kreuzeszeichen und hörte die Worte: „In diesem Zeichen wirst du siegen.“ Nachdem er daraufhin seinen Gegner Maxentius geschlagen hatte, wurde das Kreuz zum kaiserlichen Propagandazeichen.3

Ab dem Jahr 400 fand das Kreuz überdies eine starke Verbreitung durch Kruzifixe. Neben den vielen Kreuzesformen hat sich für die bildliche Darstellung am Ende das sogenannte lateinische Kreuz mit verlängertem Vertikalbalken durchgesetzt, das man als historische Kreuzform der Kreuzigung Christi ansieht und das bis heute als Altarkreuz verwendet wird.

Das Kreuz kann als äußeres Erkennungszeichen für das Christentum gelten, jedoch verweist es in seiner symbolischen Bedeutung immer auf den Kreuzestod Jesu Christi und auf die darin geschehene Erlösung. Dieser Uneigentlichkeit des Kreuzsymbols kann sich der Glaubende nicht entziehen. Die Gedanken und Gefühle, die die Betrachtung des Kreuzes in einem Menschen hervorrufen, nennt auch der bekannte Paul-Gerhardt-Choral „O Haupt voll Blut und Wunden“. Er besingt den Anblick des Kreuzestodes.

Aber er bleibt nicht bei der reinen Beschreibung der Todesqualen stehen. Der Dichter liest darin eine Botschaft: „Nun, was du, Herr, erduldet, ist alles meine Last; ich hab es selbst verschuldet, was du getragen hast. / Schau her, hier steh ich Armer, / der Zorn verdienet hat. / Gib mir, o mein Erbarmer, / den Anblick deiner Gnad.“ Der Kreuzestod Jesu ist nicht sinnloses Leiden, sondern ein Ereignis, das den Menschen betrifft. Ein Gedanke, der vielen Menschen absurd vorkommt und der in regelmäßigen Abständen auch von Theologen als untragbares Erbe verworfen wird.

Der Apostel Paulus wusste, dass das „Wort vom Kreuz“ (1. Korinther 1,18), wie er das Evangelium bezeichnet, nicht in den bekannten Glaubens- und Verstehenshorizont des Menschen passt: „Die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit, wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit.“ (1. Korinther 1,22f.). Paulus hält an der Unfassbarkeit und am Ärgernis des Kreuzes fest, das sich weder als Zeichen erschließen noch mit der menschlichen Weisheit erklären lässt. So deckt es das menschliche Aneignungsverlangen auf, das allein auf die eigenen Fähigkeiten vertraut und sich dem Blick für die eigenen Grenzen verweigert. Ein Mensch kann Grenzen überschreiten und Wunderbares hervorbringen. Er kann an sich selbst arbeiten und ein Stück weit ein besserer Mensch werden. Aber er kann sich nicht selbst vergeben. So wie er auch die Folgen seiner Taten nicht ungeschehen machen kann. Der Stein, den er hochgeworfen hat, fällt wieder auf die Erde zurück. Im Kreuz sieht er, wie ein anderer diesen Stein auffängt, sich von ihm sogar zerschlagen lässt. Der Täter muss sich nicht wegducken und sich nicht verstellen, sondern darf im Kreuz mit ansehen, wie ein anderer die Folgen seines Tuns ausbadet. Gott vergibt nicht, indem er alles ungeschehen macht. Taten behalten ihre Folgen. Im Kreuz bleibt das Bewusstsein für die Folgen wach, für den Täter und das Opfer. In aller Ungerechtigkeit, die Jesus am Kreuz erlitten hat, stellt Gott die Gerechtigkeit zwischen den Menschen wieder her, weil nichts vergessen und doch alles gesühnt ist.

Noch einmal Paul Tillich zum Symbol des Kreuzes: „Wenn das Christentum den Anspruch erhebt, in seinem Symbolismus eine Wahrheit zu besitzen, die jeder andern Wahrheit überlegen ist, so findet sie es imSymbol des Kreuzes, im Kreuz Jesu Christi. Er, der in sich die Fülle göttlicher Gegenwart verkörpert, opfert sich selbst, um nicht ein Götze, ein Gott neben Gott, ein Halbgott zu werden, zu dem seine Jünger ihn gern gemacht hätten. Und deshalb ist der entscheidende Text im Markusevangelium und vielleicht im ganzen Neuen Testament die Geschichte, in der Jesus den ihm von Petrus angebotenen Namen ‚Christus‘ nur unter der Bedingung annimmt, dass er nach Jerusalem gehen und dort leiden und sterben müsse. Und das bedeutet, dass er die Vergötzung seiner selbst verneint. Dies ist das Kriterium für alle Symbole, und es ist das Kriterium, dem sich jede christliche Kirche unterwerfen sollte.“4 „Das Kreuz zerfällt als Symbol, wenn die Kirche nicht mehr in der Lage ist, seine Heilsbotschaft für den Menschen zu deuten. Zu dieser Botschaft gehört, dass sich der Mensch, der von Gott bejaht wird, zugleich in seinem Handeln in Frage stellen lässt. Auf dieser Botschaft fußen die christlichen Werte unserer Kultur.“

André Kielbik

1 vgl. R. Bingener, Christlich nur auf der Außenseite, FAZ v. 5.1.2015
2 vgl. P. Tillich, Die Frage nach dem Unbedingten, Ges. Werke Bd. 5, Stuttgart
1964,19782 S. 196ff.
3 vgl. E. Dinkler, Art. „Kreuz – II. In der christlichen Kunst“, in: RGG3 Bd. 4,
Tübingen 1960, Sp. 46
Ägyptisches Anch-Kreuz
oder koptisches Kreuz
4 vgl. P. Tillich, a.a.O., S. 222.
Lateinisches Kreuz
griechisches Kreuz
mit gleich langen Armen


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