Leitartikel "kontakte" 1-2014

Glauben

Der Herr ist mein Hirte
Vor kurzem besprach ich im Konfirmandenunterricht den Psalm 23 („Der Herr ist mein Hirte“). Die Konfirmanden konnten die Bilder problemlos entschlüsseln. Das Verhältnis Gott – Mensch entspricht dem Verhältnis Schaf – Hirte. So wie ein Hirte sich um seine Schafe kümmert, versorgt Gott den Menschen mit allem Lebensnotwendigem. Wir kamen zu dem Vers: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück.“ Damit sich die Botschaft des Psalms den Konfirmanden in ihrer Lebenswelt erschließt, fragte ich sie, wann sie sich wie in einem finsteren Tal fühlten. Ein Konfirmand antwortete: „Wenn ich mit meinem Handy kein Netz habe.“ Einige lachten, ich schmunzelte auch. Nach einer Weile wurde deutlich, dass das empfangsbereite Handy den Kontakt zu den Freunden und die Organisation des sozialen Lebens garantiert. Das finstere Tal kann für jeden Menschen auf seine Weise Gestalt annehmen.

Glaubenskurse
Kein Empfang – keine Orientierung. Ein Mann steht in einem Kornfeld auf seinem Autodach, mit einer Hand hält er sein Handy in die Höhe, in der anderen hat er eine Straßenkarte. Dieses Bild findet sich auf dem Titel einer Broschüre des Evangelischen Kirchenverbands Köln und Region, mit dem zu einer Reihe von Glaubenskursen eingeladen wird. Auch in unserer Gemeinde werden wir neben Bibelkreis und Glaubensgespräch solche Glaubenskurse anbieten.

Die Bezeichnung „Kurs“ legt nahe, dass man bei diesen Veranstaltungen etwas über den Glauben lernen kann. Tatsächlich wünschen sich auch die Teilnehmer des Bibelkreises und des Glaubensgesprächs Hintergrundinformationen zu Bibeltexten und Grundwissen über Glaubensthemen. Menschen, die auf der Suche nach dem Glauben sind, fragen nicht selten nach überzeugenden, nachvollziehbaren Gründen, den christlichen Glauben anzunehmen. Sie möchten Zweiflern und Kritikern, zu denen sie vielleicht selbst gehörten, etwas entgegensetzen. Natürlich kann man Grundwahrheiten suchen und z. B. annehmen, dass durch das Christentum das Liebesgebot in der menschlichen Ethik eine entscheidende Rolle erlangt hat. Man wird aber doch den Gegnern zustimmen müssen, dass das Christentum die Welt im Grunde nicht erneuert hat.

Es gibt nach wie vor Unheil, Leiden und Tod. Die Suche nach Gründen für die Annahme des christlichen Glaubens erweist sich als wenig fruchtbar. Dieser Glaube bezieht sich nicht auf ein lernbares Grundwissen über das Leben, sondern auf den lebendigen Gott. Daher reicht bloßes Wissen nicht aus. Die Namen der Eltern in einer Geburtsurkunde sagen noch nicht, was es heißt, Vater und Mutter zu haben. Erst das gemeinsame Leben mit ihnen lässt den Wert eines Vaters und einer Mutter erkennen. Glauben braucht Wissen. Jedoch kann nur ein Mensch glauben, der dieses Wissen mit seiner Existenz konfrontiert. Der sich von diesem Glauben befragen lässt. Der Anfang vieler Glaubenswahrheiten ist verständlich und erklärbar. Jeder Mensch kann verstehen, was Vergebung bedeutet; dass aber Gott ihm vergeben hat, das kann er nicht einsehen, sondern nur glauben.

Der Glaube an Jesus Christus
Martin Luther schreibt in seinem Kleinen Katechismus zum dritten Artikel des Glaubensbekenntnisses: „Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten.“ Welch eine Entlastung für jeden, der den Glauben bisher für einen inneren Kraftakt gehalten hat. Dieser Satz auf den Punkt gebracht, könnte lauten: Glauben ist Hören. Nicht mehr. Man wird gerufen. Berufen durch das Evangelium.

Dieses Evangelium handelt von Jesus Christus. Von seiner Geburt, seinem Leben und Wirken, seinem Tod und seiner Auferstehung. Mit der historischen Forschung kann bewiesen werden, dass Jesus tatsächlich gelebt hat und am Kreuz gestorben ist. Dies kann überzeugend sein, führt einen aber nicht zwingend zum Glauben. Das Evangelium versteht diese Ereignisse nicht als eine reine quellengestützte historische Tatsache, sondern als die Tat Gottes in dieser Welt. „Das Wort ward Fleisch.“ Dieser Satz aus dem Johannesevangelium macht aus der Geschichte Jesu Christi ein Ereignis, das die Welt überschreitet. Mit Jesu Kommen hat die Welt eine Wende erfahren. Unsere Geschichte hat seither die Möglichkeit gewonnen, durch Vergebung und Liebe geprägt zu sein. Das ist weder konstatierbar noch erlebbar, sondern kann nur geglaubt werden. Es kann geglaubt werden, wenn man es für seine Existenz erschließt und sie im Lichte des Evangeliums betrachtet. Als wer hört man das Evangelium? Diese Frage ist die Grundfrage in den Gesprächen des Glaubens, seien sie im Stillen oder in Gemeinschaft geführt.

Freiheit
Wenn man die Botschaft des Evangeliums hört und sich ihr in seiner Existenz aussetzt, wenn man also glaubt, dann bleibt das nicht folgenlos für das Sein in der Welt. Im Glauben erkennt man das Kommen Jesu Christi in diese Welt, seinen Tod und seine Auferstehung als eine Wende der Zeiten. Der Glaube führt nicht zu einer magischen Verwandlung, sondern fragt, ob ein Mensch mitseinem Leben dieser neuen Zeitrechnung angehören will. Das Wort Gottes schwebt nicht wie eine überzeugende Idee im leeren Raum, sondern trifft den Glaubenden als einen, der in seiner bestimmten Geschichte steht.1

Der Apostel Paulus charakterisiert dieses neue Sein im Brief an die Gemeinde in Korinth als eine gewandelte Betrachtung der eigenen Lebenssituation. „Fortan sollen auch die, die weinen, so sein, als weinten sie nicht; und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie es nicht; und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht.“ (1. Korinther 7,29-31). Mit dem Sein „als ob nicht“ hat der Mensch schon Anteil an dem neuen Sein. Er gewinnt Freiheit durch eine innere Distanz zur Welt. Diese Freiheit führt aber nicht in die Weltflucht oder in die Askese, sondern stellt den Menschen mitten ins Leben. In der inneren Distanz zur Welt geht sie mir erst recht ganz nahe und im Glauben bin ich gefragt, wie mein Handeln davon zeugt.

André Kielbik

1 Anmerkung: vgl. R. Bultmann, Zur Christologie, in:
Glauben und Verstehen I, S. 109



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